|
| |
|
Vom Wandel des öffentlichen Körpers
Otto
BECKs Versuch die Mode zu sakralisieren |
Nichts ist heute präsenter und durch seine
Daueransichtigkeit entwerteter als der nackte menschliche Körper. Längst
ist enthülltes Fleisch jedweden Geschlechts und Alters eine
Verkaufsstimulanz für eine Vielzahl industrieller Produkte. Was wir nach
Vorschrift der Megakonzerne anzuziehen haben, was wir verspeisen sollen,
womit wir uns reinigen und fortbewegen müssen – alles ist mit sexuellem
und damit unerotischem Reizfilm lackiert. Unsere Konsumwelt offeriert
sich unablässig mit dem Magnetismus einer pornografischen Aura. Nahrung
und Gebrauchsgegenstände werden auf mehr oder weniger raffinierte Weise
genitalisiert. Wer die Werbetechnik ein wenig genauer betrachtet, wird
feststellen, wie sehr Körper nicht nur ausgestellt und inszeniert,
sondern geöffnet werden. Von totgebleichten Zähnen bis zum fröhlichen
Bakterienspiel im hübsch dargestellten Verdauungstrakt. Noch vor
zwanzig, dreißig Jahren wäre derlei Körperdemokratie zur
Konsummaximierung völlig undenkbar gewesen, genauso wie die inzwischen
geschlechtsdiffusen Körperinszenierungen am Catwalk, wo völlig
abgehobene Designergötzen an entmenschten Anatomien vorführen, was immer
ein lächerlicher Kampf bleiben wird – nämlich die Zwangshochzeit
zwischen Kunst und Alltagsleben. In den physischen Verwisch- und
Versteckspielen des Entblößungstheaters gibt es so gut wie keine Tabus
mehr. Das Männliche ist enorm im Vormarsch, wobei aber festzuhalten ist,
dass das Zentrum des Maskulinen von einer Hetero-Machogesellschaft
zumindest öffentlich nicht geduldet werden kann. Das Feigenblatt rutscht
zwar, aber es fällt nicht.
Otto BECK hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Performer immer
wieder mit solch auffälligen und doch kaum beachteten Phänomenen des
öffentlichen Lebens beschäftigt. Er untersucht mit Scharfsinn und Witz
das, was im Alltag oft unsichtbar und unbewusst bleibt, und macht
erstaunliche, von den meisten Zeitgenossen gedankenlos hingenommene
Widersprüche und Verbindungskanäle zwischen unterschiedlichsten Ebenen
sichtbar.
Die Mode als mächtiger Industriezweig und Verpackungsfaktor einer
zunehmend geschlechtsindiffe-renten, ästhetisch globalisierten
Juvenil-Gesellschaft interessiert Otto BECK ganz besonders. Ihm fällt
zum Beispiel auf, dass das vollkommene Verschwinden des noch vor hundert
Jahren prägnanten Gesichtsschleiers aus der westlichen Damengarderobe in
eigenartiger Beziehung zum aktuellen Kopf-tuchstreit steht. Unabhängig
von religiösen Fragen scheint die von der Außenwelt distanzierte,
mysti-sche Frau zum unerwünschten Störfaktor zu werden. Zugleich boomt
der Sonnenbrillenkult. Das Ge-heimnisvolle der muslimischen Frau, der
Blick der Augen aus dem Sehschlitz, wird im Westen von den Insignien der
Coolness gänzlich verdeckt und eliminiert, während die aufgeklärte
Bekleidung kaum noch etwas an dem anonymisierten Körper verhüllt.
Otto BECK hat ein Sensorium für Gleichklang und Differenzen
unterschiedlicher Kulturen, er registriert die feinen Verschiebungen in
der öffentlichen Liturgie der Körperinszenierungen, zu denen neben den
diversen Bewegungsmustern der Bevölkerungsgruppen auch die Mode gehört.
Nach all den Exzessen der massenhaften Uniformierung zum Beispiel
halbwüchsiger Mädchen durch Nabel- und Hüftfreiheit, tätowierten und
gepiercten Blickzonen, „Eisernen Jungfrauen“ in Form einschnürender
Jeans und höchstwahrscheinlich mit chinesischen Folterhundefellen
geschmückter Anoraks sieht Otto BECK die Zeit für eine neue
Spiritualisierung der Mode gekommen.
Eine andere Ästhetik, andere Leitfiguren tauchen auf, eine andere Erotik
beginnt zu wirken. Plötzlich wird der attraktive Sekretär des Papstes
zum Thema für Frauenmagazine und Marie ANTOINETTEs Kunst der
raffinierten und äußerst aufwändigen Körperverhüllung wird nachgeahmt
und signalisiert verlagerte Interessen der Modeindustrie und ihrer
konsumistischen Marionetten.
Nicht erst ein bombastischer Zyniker wie FELLINI wusste um die
Ausstrahlung kirchlicher Prunkge-wänder. Die zu gewissen Zeiten
unerhörte Prachtentfaltung hoher und höchstrangiger Kultgarderobe
gehörte immer schon zum katholischen Ritual wie Musik, bildende Kunst,
Architektur und Weihrauch. Man kann sogar einen großen Teil der
abendländischen Kunstleistung aus der katholischen Messfeier ableiten.
All das schwingt in der „moda all' eternità“ aus dem fiktiven sakralen
Modelabel VATICANO mit, dessen Erfinder Otto BECK ist. Hier geht es um
die Ankündigung und mögliches Design einer neuen Uniformität, die der
verblühenden Gleichschaltung aller Körper auf das Kultbild trainierter,
halb-nackter, jugendlicher Leiber folgen könnte. Bisher wurde vor allem
ausgestellt, was man hat oder nicht mehr hat, morgen könnte alles wieder
verborgen werden und man könnte zu fantasieren beginnen. Was versteckt
wird, ist interessant und beflügelt Geist und Sinne.
Otto BECK will auf ironische Weise stimulieren. Als Maler aus der
Kinderstube der ehemaligen jungen, wilden Figuration tut er das mit
humoristischem Ingrimm und denkbar größter Freiheit. So wie er das
Straßenbild auf Gleichklang und Differenz der Menschen mit aller
Selbstverständlichkeit testet, bringt er auch in seinen Bildern West und
Ost zusammen. Nonne und Kamel etwa und andere Symbole und Versatzstücke
aus einem Spannungsfeld, das heute medial fast nur noch als kulturelles,
politisches Kriegspotenzial vermittelt wird. Otto BECK will das
Gegenteil von Erhitzung. Er will einen geistvollen, neuen west-östlichen
Diwan.
Anton Gugg, 2007 |
|